Ausbildung und Qualifizierung von

Erzieherinnen / Erziehern in China

 

I.    Ziele des Projektes und Kooperationspartner

Mit dem hier beantragten Projekt wollen die drei Projektpartner Gesellschaft für Bildung und Beruf e.V., Dortmund, die Akademie für Kindergarten, Kita und Hort, Lippstadt sowie die Fachschule für Sozialpädagogik des Berufskollegs AHS, Siegen die Basis für die Etablierung von Kindergarten-Akademien in China legen. Die Kindergarten-Akademien sollen eine hochqualifizierte Erzieherinnen-Ausbildung1 nach deutschen Standards in China ermöglichen. Eine erste Kindergarten-Akademie soll während der zweijährigen Projektlaufzeit in Peking gegründet werden.

Das Angebot dieser Kindergarten-Akademie umfasst alle Bereich der Erzieherinnen-Ausbildung. Ziel ist es, qualifizierte Fachkräfte auszubilden und damit die pädagogische Qualität in Kindergärten zu verbessern. Neben einer schulischen Ausbildung, in der theoretisches Fachwissen vermittelt wird, steht ein Praxisanteil, bei dem die pädagogisch-psychologische Theorie im Kindergarten angewendet wird.

Der Bedarf an qualifiziert ausgebildeten Erzieherinnen in China ist enorm: Hundertdreißig Millionen Vorschulkinder leben heute in China, kostbare Einzelkinder, auf die sich die gespannte Aufmerksamkeit ihrer Familie richtet. Kostspielige Kinder, in deren Bildung investiert wird, was immer die Erwachsenen sich leisten können: Geld für Kindergärten und für Förderkurse in frühem Alter.

Es fehlt in China aber an pädagogisch ausgebildeten Erzieherinnen, die den Anforderungen der neuen Mittelschicht genügen. Zusammen mit Partnern in Peking soll diese Lücke durch die Kindergarten-Akademie ausgefüllt werden. Schon während der Projektlaufzeit sollen weitere Kindergarten-Akademien in anderen Landesteilen initiiert und umgesetzt werden.

Beteiligte Unternehmen und Einrichtungen

Berufskolleg Allgemeingewerbe, Hauswirtschaft und Sozialpädagogik
des Kreises Siegen-Wittgenstein
Fachschule für Sozialpädagogik
Schulleiter OstDr. Armin Stöhr

57072 Siegen
Fischbacherbergstraße 17,
Telefon: 02 71 – 23 66 70
Fax: 02 71 – 23 66 766
E-Mail: info@berufskolleg-ahs-si.de
www.berufskolleg-ahs-si.de

Gesellschaft für Bildung und Beruf e.V.
GF Bernd Schnittker

44141 Dortmund
Untere Brinkstr. 81-89
Tel.: 0231-55 72 170
Fax: 0231-55 63 73
Email: info@gbb-gruppe-de
www.gbb-gruppe.de

Akademie für Kindergarten, Kita und Hort GbR
GF Jochen Brode
GF Eike Hovermann jun.

59555 Lippstadt
Wiedenbrücker Straße 12
Telefon: +49 2941 9661-20
E-Mail: info@kindergartenakademie.de
www.kindergartenakademie.de

II    Kindergärten in China

Vorschulerziehung ist seit jeher ein wichtiger Bestandteil der chinesischen Bildungspolitik, der allerdings in den letzen Jahren infolge der Ein-Kind-Politik und des erheblichen Leistungsdrucks, dem Kinder in der modernen chinesischen Gesellschaft ausgesetzt sind, eine ganz neue Bedeutung zukommt.

Generell werden Kinder im Alter zwischen 3 und 6 Jahren in den chinesischen Kindergärten aufgenommen. Es gibt allerdings auch Kindergärten, die noch jüngere Kinder aufnehmen, es bestehen auch Angebote für einjährige Kinder.

Waren in früheren Jahren des kommunistischen Chinas die Kindergärten komplett in öffentlicher Hand und wurden hauptsächlich von Staatsbetrieben organisiert, in denen auch die Eltern arbeiteten, so hat sich die Situation nach der wirtschaftlichen Öffnung und den damit einhergehenden Verbesserung des Lebensstandards grundlegend geändert. Mit der Privatisierung der Wirtschaft wurde auch die Verantwortlichkeit im Bereich der Vorschulbildung zu einem hohen Prozentsatz in private Hände gelegt. Heutzutage werden zwar immer noch viele Kindergärten von Staatsbetrieben und auch von Kommunen und Stadtbezirken geführt, aber Schätzungen gehen bereits von einem Anteil von mehr als 50% privater Kindergärten im modernen China aus. Allerdings ist der Anteil der privaten Kindergärten in städtischen Gebieten erheblich höher als in ländlichen Gebieten. Außerdem hat die Privatisierung dieser Ausbildungssparte nicht ganz mit der Bevölkerungsentwicklung Schritthalten können, so dass längst nicht allen Kindern ein Kindergartenplatz zugeteilt werden kann. Auch hier ist die Diskrepanz zwischen urbanen Gebieten und ländlichen Gebieten beachtlich: während in der Stadt bis zu mehr als 80% der Kinder mit einem Platz im Kindergarten rechnen können, liegt die Chance für Kinder in ländlichen Regionen bei nur etwa 60%, wobei dabei auch viele Kinder sind, die nicht alle 3 Jahre in den Genuss eines Kindergartenplatzes kommen können.

Für Beijing stellt sich die nahe Zukunft wie folgt dar: Für das Jahr 2020 werden mehr als 270.000 Kinder im Vorschulalter prognostiziert (gemäß einer Statistik aus dem Jahr 2009 erstellt vom Beijing Economic and Social Development Research Institute). Die Situation in der Vorschulausbildung in Beijing ist dementsprechend unbefriedigend: weil die ca. 1.250 registrierten Kindergärten (davon nur etwa 12% komplett staatlich finanziert, der Rest wurde durch private Investitionen aufgebaut) nicht genügend Kindergartenplätze anbieten Können, haben sich noch einmal so viele nicht registrierte private Kindergärten etablieren können, die zwar illegal operieren, die aber aufgrund des offensichtlichen Mangels an verfügbaren Kindergartenplätzen geduldet werden müssen.
Dementsprechend wird auch von lokalen Beijinger Regierungen bereits reagiert: innerhalb der nächsten 5 Jahre sind bis zu 50 neuer staatlicher Kindergärten geplant, die bis 10.000 neue Kindergartenplätze anbieten sollen. Keine genauen Planungen existieren jedoch, wie diese neuen Kindergärten mit qualifiziertem Personal versorgt werden Können

Laut Vorgaben aus dem Bildungsministerium ist es die Aufgabe der Kindergärten, eine Kombination von Kinderfürsorge und Unterrichtselementen anzubieten, die die Kinder physisch, moralisch und intellektuell auf harmonische Weise auf die anschließende formale Ausbildung vorbereiten sollen.

Diese Situation entspricht nicht den gesellschaftlichen Anforderungen, die auch immer mehr chinesische Eltern an ihre Einzelkinder stellen: Um im Konkurrenzkampf im zukünftigen Schulleben und der daran gekoppelten Universitätskarriere bestehen zu Können, versuchen heute viele Eltern ihren Kindern schon durch eine qualitative hoch stehende und spezialisierte Vorschulerziehung einen Vorsprung zu ermöglichen. Dadurch entwickelt sich im Moment in China eine Situation, in der die Vorschulerziehung immer mehr zu einem lukrativen Produkt wird, so dass auch die staatlichen Kindergärten kaum dem Trend widerstehen können,  ihre stark nachgefragten Leistungen immer teurer verkaufen. Extrem spezialisierte Kindergärten wie zum Beispiel der Golden Cradle Kindergarten in Beijing, der bereits für Dreijährige Mathe, Chinesisch und Englisch als Intensivkurse anbietet, oder Kindergärten, die die Musiktherapeutik des deutschen Orff Schulwerks anbieten, kosten bis zu 15.000 ¥ (etwa 1.500 Euro) monatliche Schulgebühr
.
Die Entwicklung geht also dahin, dass immer neue hauptsächlich private Kindergärten gegründet werden, die nach marktwirtschaftlichen Prinzipien arbeiten und dann entweder nicht unbedingt den erforderlichen Qualitätsanforderungen entsprechen oder aber extrem qualifiziert und spezialisiert sind.

Die Diskrepanz zwischen Vorschulbildung und reiner Kinderfürsorge wird damit nicht nur zwischen Stadt und Land offenbar, sondern erstreckt sich immer mehr auch zwischen arm und reich. Effiziente und kompetente Vorschulausbildung wird damit immer mehr zu einem Privileg der wohlhabenderen städtischen Mittelschicht.

Was fehlt ist eine solide Grundausbildung, die dann auch genügend qualifizierte Erzieherinnen hervorbringen kann, die für den Aufbau eines flächendeckenden Netzes von finanzierbaren Kindergärten in China notwendig sind.

1 Aus Gründen einer einfacheren Lesbarkeit verwenden wir einheitlich den Begriff „Erzieherinnen“, die Aussagen beziehen sich aber immer auch auf „Erzieher“